Weitersegeln auf der Europameisterschaft

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Große Regatten werden oftmals bereits mit der Wahl des Campingplatzes entschieden. Uns war zwar klar das wir uns auf einem kirchlichen Campingplatz eingebucht hatten (war mit etwa 120m Fußweg zum Bootspark schön dicht dran), nicht klar war uns allerdings das dort Alkohol und Drogen verboten waren. Naja dachten wir, ok, angenommen man hält sich an die Regel, vielleicht segelt man dann ja tatsächlich schneller. Egal, erstmal in der Henge-Menge Ecke die Zelte aufgebaut und dabei lange diskutiert ob jetzt ein kleineres oder ein größeres Zelt praktischer ist.

Da es sich dieses Mal nicht um eine Himalaya-Expedition sondern um eine Europameisterschaft handelte, war das größere Zelt (auf dem Bild rechts) deutlich im Vorteil, weil
a) eine Kiste ähhm Gerstensaftschorle (siehe oben „alkoholfreier Campingplatz“) reinpasste und
b) man im Falle eines Platzregens mit dem kleinen Zelt im Vorzelt des großen Zeltes hätte campen können…

 

Da wir ein paar Tage zum akklimatisieren eingeplant hatten und unsere Boote, die praktischer Weise mit anderen Autos anreisten, noch nicht da waren, hatten wir erstmal frei und Zeit uns das schöne Varberg mit seiner Festung anzuschauen. Am nächsten Tag dann gemütliches Boote aufbauen, Boote vermessen und Abends gemütliches Traubensafttrinken aus Teetassen mit der Konkurrenz (siehe „alkoholfreier Campingplatz“).
Mittwoch gab es dann ein Trainingsrennen, bei dem jedoch lange nicht alle der 94 Schiffe am Start waren. Die Trainingsrennen dienen auch meist gar nicht nur den Seglen zum Training sondern vor allem der Wettfahrtleitung, die plötzlich statt des handelsüblichen Linienstarts einen Pfadfinderstart für die 505er durchführen muss. Eine unübliche aber in großen Regattafeldern einfach geniale Startmethode.
Wer die Segelanweisung gelesen hatte war bereits auf dem Weg zum Regattafeld durch die vorgelagerten Schären klar im Vorteil. Wer außerdem das Kardinalsystem der Tonnen beherrschte, hatte sehr gute Chancen mit intaktem Schwert und Ruderblatt auf der Regattabahn anzukommen. Im Laufe der Woche wurden die Segler zunehmend mutiger und suchten Abkürzungen dicht unter Land. Da Anna und ich ein relativ kurzes Schwert und ein kurzes Ruderblatt fahren, sind auch wir irgendwann der Masse gefolgt, in dem Wissen, dass die Boote vor uns längere Schwerter haben. Dennoch machten wir große Augen als plötzlich etwa 50m neben uns die Wellen brachen und auf einen Felsen unter der Wasseroberfläche schließen ließen. Das hatte man die Tage vorher bei Wellengang und Dünung nicht gesehen.

Insgesamt gab es während aller 9 Rennen Mittel-Leichtwindbedingungen, viele kleine und manchmal gemeine Winddreher und etwas Strömung. Einfach ist anders.
Die Schweden haben das Event toll organisiert und auch eine patente Lösung für die Rückgabe der GPS-Tracker gefunden. Die werden nämlich gerne mal vergessen abzugeben und dann gibt es in der Regel eine saftige Zeitstrafe auf das gesegelte Ergebnis. Nicht so hier: Jeder der den Tracker innerhalb der Protestfrist abgab, erhielt einen Biergutschein. Zum ersten Mal hat niemand vergessen den Tracker abzugeben. Die Seglerwelt funktioniert so einfach….

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Als Schmankerl gab es einen von der schwedischen Klassenvereinigung durchgeführten Wendenwettbewerb auf einem Wendensimulator. Auf einem beweglichen Rumpfteil mit Trapez, der krängte wenn man die Schot dichtholte, mussten 6 Wenden auf Zeit durchgeführt werden.IMG_1007 Während Luke „das Vorschottier“ aus Australien demonstrierte das Trapezhosen einfach überbewertet werden, standen die Seglerinnen begeistert neben dem Simulator und kommentierten die Wendentechniken der- meist doch sehr sportlichen- Vorschoter. Ein mit leichtem seufzen untermaltes „Den würde ich mir auch in den Draht hängen…“ hörte man öfter.

Im letzten Rennen leistete sich die Weitersegler dann wenigstens einen letzten Platz. Wenn man den Schuß für die Ziellinien-Überquerung des Ersten schon nicht zu hören bekommt, muss man halt hinten bleiben. War aber egal, wir wurden mit einem 79 Gesamtplatz dennoch Vize-Europameisterinnen. An das beste Frauenteam bestehend aus einer ehemaligen und einer zukünftigen Olympiateilnehmerin war nur einmal ein rankommen, aber nachdem wir feststellten, dass um uns rum nur unbekannte Segelnummern fuhren, haben wir uns schnell wieder nach hinten zu den bekannten Gegnern durchreichen lassen.

Europameister wurden Meike Schomäker und Holger Jess, dicht gefolgt von Wolfgang Hunger und Julien Kleiner. Bestes WeiSe-Team war Familie Henge mit dem 65 Gesamtplatz! Darauf gab es dann erstmal einen –ähhhh- Holunderfruchtschluck (siehe „alkoholfreier Campingplatz“).

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